Leben um zu gewinnen
Mein Exemplar der Edinburger Vorlesungen von Thomas Troward, blaues Taschenbuch mit gelber Schrift, auf meinem Holzschreibtisch unter der Messinglampe.

Mein Exemplar: deutsche Ausgabe, Edition Solis, Taschenbuch

Von meinem Schreibtisch · Glaube, Geist und die Gesetze des Lebens

Edinburger Vorlesungen

Ein Richter aus dem Punjab denkt über Geist, Gedanken und die Gesetze des Lebens nach. Was in dem Buch steckt, welche Gedanken tragen und wo die Grenzen sind.

Autor
Thomas Troward
Erschienen
1904, Edinburgh
Untertitel
über die Mentalwissenschaft (Original: The Edinburgh Lectures on Mental Science)

Worum es geht

Thomas Troward war Richter. Jahrzehntelang arbeitete er für die britische Verwaltung im Punjab, im Norden Indiens, und beschäftigte sich nebenbei mit Religionen und Philosophie. Nach seinem Ruhestand hielt er in Edinburgh eine Reihe von Vorträgen. Daraus wurde 1904 dieses Buch.

Troward stellt eine große Frage: Wie hängen Geist und Materie zusammen? Seine Antwort ist, vereinfacht gesagt: Alles, was wir sehen, hat seinen Ursprung in etwas Unsichtbarem, in Gedanken, in Geist. Der Mensch ist nicht nur ein Rädchen in einer Maschine, sondern kann bewusst mitgestalten, weil er denken und wählen kann.

Das klingt zuerst nach Esoterik. Gelesen wirkt es eher wie ein ruhiger, sehr logischer Gedankengang. Troward argumentiert wie ein Jurist: Schritt für Schritt, mit Begriffen, die er sauber trennt. Der Philosoph William James soll die Vorlesungen sehr gelobt haben.

Die Kernideen

Geist zuerst, Form danach. Troward unterscheidet zwischen Ursache und Wirkung. Gedanken, Gefühle und innere Haltung sind die Ursache. Die äußeren Umstände sind die Wirkung. Wer nur an den Umständen herumschraubt, ohne an sich selbst zu arbeiten, dreht die Reihenfolge um.

Bewusster und unbewusster Teil des Geistes. Troward beschreibt einen Teil des Geistes, der abwägt und entscheidet, und einen, der aufnimmt, was man ihm immer wieder gibt. Was wir ständig denken, prägt, wie wir handeln, oft ohne dass wir es merken.

Wachstum als Gesetz. Leben heißt für Troward, sich weiter auszudrücken. Stillstand ist in seinem Denken kein natürlicher Zustand.

In seinen späteren Doré-Vorlesungen (1909) führt Troward diese Gedanken weiter. Zwei davon gehören für mich zu diesem Buch dazu:

Gesetze werden nicht gebrochen, sondern genutzt. Die Naturgesetze gelten immer. Fortschritt entsteht, wenn jemand sie klug kombiniert. Für Troward gilt das auch für das eigene Leben.

Der Mensch als Verteiler. Wir erschaffen die Kraft nicht selbst, wir leiten sie weiter. Je mehr wir zu uns selbst werden, desto mehr kann durch uns wirken. Für mich ist das sehr nah an der Idee des Knotenbaums.

Ehrlich eingeordnet

Troward nennt sein Thema „Mentalwissenschaft“. Wissenschaft im heutigen Sinn, mit Experimenten und Messungen, ist das nicht. Es ist Philosophie, teilweise Glaube. Troward wurde zu einem der Vordenker der sogenannten Neugeist-Bewegung (New Thought), auf die sich später viele Erfolgsbücher berufen haben, oft deutlich weniger sorgfältig als er selbst.

Wichtig ist mir eine Grenze: Gedanken ersetzen keinen Arzt, keine Therapie und keine Arbeit. Troward schreibt auch über geistige Heilung. Diesen Teil lese ich als Gedankenexperiment, nicht als Anleitung.

Warum es trotzdem eines meiner wichtigsten Bücher ist? Weil es meine Fragen ernst nimmt: Gibt es Gesetze hinter dem Leben, und wie lebe ich im Einklang mit ihnen? Wer Troward im Original lesen will, findet die englische Ausgabe kostenlos bei Project Gutenberg. Das Buch ist so alt, dass es niemandem mehr gehört.

Für wen das Buch ist

Lies es, wenn …

du dich für die Frage interessierst, wie Denken, Glauben und Handeln zusammenhängen, und bereit bist, langsam zu lesen.

Lass es, wenn …

du schnelle Rezepte suchst oder erwartest, dass Gedanken allein Krankheiten heilen oder Probleme lösen. Das verspreche ich nicht.

Quellen

  1. Project Gutenberg: The Edinburgh Lectures on Mental Science (englisches Original, gemeinfrei)
  2. Wikipedia: Thomas Troward